Biosicherheit – notwendige Pflicht oder gelebte und verstandene Praxis?

Nicht erst seit die Afrikanische Schweinepest in Asien und Europa wütet, sollten Maßnahmen und Konzepte zu Gesundheitsschutz und Risikominimierung für jeden Schweinehalter eine Selbstverständlichkeit sein.

„Per Definition fassen wir unter dem Begriff ‚Biosecu rity‘ alle Maßnahmen zusammen, die dazu dienen, die Verbreitung von pathogenen Keimen von einem Ort zum anderen zu verhindern,“ stellt Dr. Tim Snider klar. Der Leiter der PIC-Veterinärabteilung für Europa, fügt hinzu: „Das hört sich auf den ersten Blick ziemlich simpel an, doch im Detail wird es dann doch viel mehr. Sicherlich sind es zunächst einmal Maßnahmen und bestimmte Arbeitsabläufe, die eingehalten werden sollten. Doch sind auch, und das betont er eindringlich, die persönliche Einstellung und die Etablierung einer ‚Biosecurity-Kultur‘, die für den langfristigen Erfolg entscheidend sind. „Jeder, ob Betriebsleiter, ständiger Mitarbeiter, mitarbeitender Familienangehöriger oder Aus hilfskraft, sollte die Einstellung haben ‚Ja, ich will diese Dinge tun, um den Betrieb, die Schweine und letztendlich meinen Lebensunterhalt zu schützen.‘

„Bisweilen machen wir keinen guten Job darin, anderen zu erklären, warum wir diese oder jene Maßnahme treffen,“ führt Dr. Snider weiter aus. „Wenn Sie zunächst verständlich erklären, warum Biosecurity wichtig ist, und dann wie die einzelnen Maßnahmen und Arbeitsabläufe zum Schutz des Betriebes und der Schweine umgesetzt werden sollen, dann ist sich jeder Einzelne seiner Verantwortung deutlicher bewusst.“

Hohes Risiko oder niedriges Risiko?

Biosecurity-Maßnahmen kosten. Sie kosten Zeit und Geld. Deshalb gilt es, Risikoabschätzungen vorzunehmen und in Maßnahmen zu investieren, die die höchsten Risiken reduzieren.

„Wo kann eine strikte Trennung durchgeführt werden und wo sollten sie andere Maßnahmen ergreifen? Auf diese Frage gibt es nicht die eine Antwort,“ macht Dr. Snider deutlich. „Allerdings sollten Sie drei Bereiche mit oberster Priorität betrachten: Als erstes die Tiere, die Sie in den Bestand übernehmen, sei es durch Zukauf oder aus der eigenen Nachzucht. Dann alle Aktivitäten rund um den Transport: Tiere, Futter, Einstreu, Gülle usw. Und drittens sollten Sie den internen und externen Personenverkehr unter Kontrolle haben, denn gerade Personen sind es, die Tiere von A nach B bewegen, von einem Stallbereich in den anderen gehen. Wichtig sind aber auch alle externen Besucher ihres Bestandes wie Monteure, Berater, die von ihnen angewiesen werden müssen, wann und wie der Betrieb betreten werden darf.“

„Wenn Sie Ihre Arbeitsabläufe auf Biosecurity-Risiken prüfen, beginnt das bereits mit den Arbeitsabläufen rund um die Quarantäne. Hierzu gehört das Einduschen genau-so wie die Dekontaminierung von Betriebsmitteln oder auch der Tierfluss in und aus der Quarantäne, einschließlich der Entsorgung toter Tiere, uvm.,“ führt Dr. Snider weiter aus und entgegnet dem Argument, dass wichtige Risikofaktoren gar nicht vom Landwirt selbst kontrolliert werden können, wie z.B. kontaminiertes Futter oder die Virusübertragung über die Luft. Dennoch gilt es auch hier zu verstehen, welche Fak toren von hohem bzw. niedrigerem Risikopotenzial sind. Konzentrieren Sie sich auf die Risiken, die Sie beherrschen und minimieren können! Und ‚niedrigeres‘ Risiko heißt nicht ‚kein‘ Risiko. Also: Stellen Sie sicher, dass die so genannten ‚low-hanging fruits‘ auf jeden Fall ‚geerntet‘ werden (Minimierung der relativ einfach zu beherrschende Risiken), dass Sie genau wissen, wie Sie mit den Hochrisiko-Faktoren umgehen, und dass Sie sich Gedanken über die niedrigeren Risiken machen.

Die Quarantäne ist ein Muss

Dr. Snider betont, dass eine konsequente Quarantäne und Akklimatisierung für jeden Betrieb, der Tiere von außerhalb in seinen Bestand bringt, ein Muss sind.

„Wir bei PIC sind uns der Verantwortung bewusst, unsere Genetik gesund und sicher – ‚sicher‘ im Sinne von gesundheitlich unbedenklich – zu unseren Kunden zu bringen. Um dies zu gewährleisten, führen wir ein strenges Biosecurity-Programm auf allen Betrieben innerhalb der Zucht- und Vermehrungsstruktur durch. Dennoch kann immer etwas passieren, so dass Sie trotzdem jedes angelieferte Tier als potenzielles Risiko betrachten sollten. Quarantänezeiten müssen festgelegt und Akklimatisierungs-/Eingewöhnungsprogram- me eingehalten werden,“ ergänzt er weiter.

Im Allgemeinen ist eine 30-tägige Quarantäne, sprich strikte Trennung der Neuankömmlinge vom übrigen Bestand, sinnvoll. Dieser Zeitrahmen wird als ausreichend angesehen, um Viren wir PRRS oder Corona (TGE, PED) und andere wichtige Krankheitserreger, die eine Herde schwächen können, zu identifizieren. Mehr und mehr gehen Schweinehalter dazu über, vor Einstallung Proben untersuchen zu lassen, wobei der Fokus auf der Diagnostik bei Ankunft [in der Quarantäne] liegt.

Manche Betriebe haben den Quarantäne-/Isolationsstall abseits des eigentlichen Betriebsgeländes eingerichtet, manche auf dem Betriebsgelände. Für beide Optionen gibt es Argumente Für und Wider. Sicherlich ist die Tierbetreuung einfacher, wenn der Quarantänestall nahe gelegen ist. Andererseits ist die Gefahr deutlich größer, aus der Quarantäneeinheit ungewollt Krankheitserreger in den eigentlichen Bestand zu übertragen. Ist die Quarantäne weiter weg gelegen, brauchen Sie ein Fahrzeug, um sich zwischen den Betriebsteilen zu bewegen. Andererseits haben Sie eine längere Reaktionszeit, falls sich die Tiere in der Quarantäne infizieren.

„Letztendlich muss das Quarantänemanagement zum gesamten Betriebsablauf passen,“ führt Dr. Snider weiter aus. „Allerdings empfehle ich, in schweinedichten Gebieten, den Isolationsstall auf dem Betriebsgelände oder zumindest in der un- mittelbaren Nähe zu haben.“ Ist die Quarantäne weiter weg vom Stammbetrieb, so empfiehlt er die Untersuchung am Ende der Isolierungsphase, denn Sie wollen den Gesundheitsstatus dieser Tiere am Ende der Isolationsphase kennen, wenn sie in Ihren Stammbetrieb gebracht werden.

Es gibt kein ‘Universalkonzept’

Jeder Betrieb ist anders, seien es die baulichen Gegebenheiten oder seien es die Produktionsabläufe. Das bedeutet, es gibt nicht das eine Konzept, um die Biosecurity für einen Betrieb hoch zu halten. Der erste Schritt ist in jedem Fall: Bewusstsein schärfen. In den vergangenen Jahren hat das Bewusstsein, dass Biosecurity für jeden Schweinehalter wichtig ist, stetig zugenommen. Maßnahmen, die Biosecurity zu verbessern, wurden und werden laufend weiterentwickelt, basierend auf den neuesten Erkenntnissen wie sich Krankheiten bzw. Krankheitserreger verbreiten.

Kommunikation ist entscheidend

Stellen Sie sich und Ihren Mitarbeitern immer wieder die Frage, wie Sie die Biosecurity verbessern bzw. optimieren können. Stellen Sie Fragen wie z.B.:

  • Wie kann ich Arbeitsabläufe und Maßnahmen sinnvoll und kosteneffizient integrieren und so die Biosecurity meines Betriebs optimieren?
  • Wie kann ich meine Mitarbeiter unterstützen, dass sie die geforderten Maßnahmen einfach und effizient umsetzen können?
  • Wie setze ich ein Verladesystem nach Schwarz-Weiß-Prinzip um, inklusive strategisch platzierter Türen, die verhindern, dass Tiere nicht wieder zurück in das Gebäude laufen können?• Wie verhindere ich, dass der Duschbereich kontaminiert wird?
  • Wie kann ich eine sichere, aber einfache Desinfektion und Einschleusung für, für Verbrauchsmaterialien einrichten (Begasung, UV-Desinfektion, Karenzzeit)?

“Es haben sich Biosecurity-Systeme bewährt, die Abläufe und Maßnahmen beinhalten, bei denen zwei oder drei Stopps eingebaut sind, wie z.B. beim Betreten eines Stalls,” sagt Dr. Snider. “Gleichzeitig sind erfolgreiche Biosecurity-System so aufge- baut, dass sie einfach zu implementieren und aufrecht zu erhalten sind.”

Vorbeugen ist die beste Lösung

“Es ist immer besser, wenn wir uns – besser gesagt unsere Tiere – sich nicht mit Krankheitserregern auseinandersetzen müssen. Vor- beugen ist immer besser als behandeln,” betont Dr. Snider. “

Eine gelebte und ernst genommene Biosecurity-Kultur bedeutet letztendlich bessere Gesundheit und Wohlbefinden für die Tiere und zudem eine höhere Wirtschaftlichkeit für Sie als unternehmerischer Landwirt.

Sechs wichtige Hinweise für Sie

“Wenn Sie an bestimmten Punkten in den Produktionsabläufen keine Trennung einbauen können, müssen Sie sich auf die Desinfek- tion verlassen,” sagt Dr. Snider, Leiter Health Assurance PIC Europa, und empfiehlt folgende sechs grundlegende Maßnahmen.

  1. Wenn Sie Ihre Schweine selbst zum Schlachthof bringen, dann nutzen Sie hierfür nicht dasselbe Fahrzeug, mit dem Sie Jungsauen von der Quarantäne zum Stammbetrieb bringen. Haben Sie keine andre Möglichkeit, dann legen Sie besonderen Wert auf sorgfältigste Desinfektion und möglichst lange Standzeiten zwischen den Einsätzen des Fahrzeugs.
  2. Wenn Sie nicht einen speziellen Mitarbeiter nur für die Betreuung der Quarantäne abstellen können, dann organisieren Sie die Arbeitsabläufe so, dass die Quarantäne am Ende des Arbeitstages aufgesucht wird. Führen Sie Maßnahmen ein (räumliche Trennung und Desinfektion), die es Ihnen bzw. Ihren Mitarbeitern ermöglichen, eine Trennung zwischen Quarantäne und Stammherde einzuhalten.
  3. Stehen sie in gutem Kontakt mit Ihrem Futterlieferanten, um herauszufinden, an welcher Stelle Ihr Betrieb in der Tourenplanung steht. Ideal wäre eine Anlieferung montags als erster Betrieb der Tour. Da dies sicherlich auch andere Betriebe gerne wünschen und somit nicht immer möglich ist, empfiehlt sich ein guter Draht zum Lieferanten, um zu erfahren, wo der Lkw vorher war.
  4. Nicht nur Futter wird angeliefert, denken Sie auch z.B. an Sperma und anderes. Besser ist es, wenn Sie an einem Übergabepunkt anliefern lassen, der nicht direkt am Stall ist. So vermeiden Sie zudem, dass sich die Wege Ihrer ‘sicheren’ Fahrzeuge mit denen von ‘unsicheren’ kreuzen.
  5. Um mögliche Ansteckungsgefahren zu minimieren desinfizieren Sie angelieferte Ware sorgfältig und nehmen Sie sie erst nach einer angemessenen Karenzzeit in den Betrieb. Halten Sie den Duschbereich funktionstüchtig, sauber und ordentlich, so dass Sie, Ihre Mitarbeiter, Ihr Tierarzt usw. problemlos einduschen können.
  6. Stellen Sie sicher, dass Ihre Mitarbeiter nicht in andere schweinehaltenden Betriebe gehen und auch zu Hause keine Schweine halten. Ersteres ist möglicherweise nicht immer umsetzbar, je nach dem wie die Arbeitskräftesituation, insbesondere für Aushilfen, in Ihrer Region aussieht. Seien Sie sich jedoch des möglichen Risikos bewusst und überlegen Sie, wie Sie Ihren Biosecurity-Status am besten angemessen schützen.

Dr. Snider betont, dass es insbesondere darum geht, zu verstehen, welche Faktoren ein hohes oder ein niedriges Risiko für Ihren Betrieb darstellen. Zu berücksichtigen dabei ist auch der Gesundheitsstatus Ihrer Herde zum jeweiligen Zeitpunkt, und wiederholt: “Vorbeugen ist der beste Schutz. Indem Sie alle möglichen Übertra- gungswege durchdenken und jeweils einen angemessenen Plan parat haben, sind Sie besser vorbereitet.“

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